Auf der Suche nach dem Plug-and-Play-Ingenieur

Am Montag strahlte die ARD eine Dokumentation über den Fachkräftemangel und seine Ursachen aus – beziehungsweise darüber, warum ein Fachkräfte- und speziell ein Ingenieursmangel in Deutschland herbeigeredet wird. Interessanterweise wurde am selben Tag im englischsprachigen PTC-Blog ein Artikel zu einem ähnlichen Thema veröffentlicht – nämlich den Fachkräftemangel in Massachusetts.

Wichtige Gesichtspunkte aus der ARD-Reportage sind zum einen das Zustandekommen der Zahlen, auf deren Basis der angebliche Fachkräftemangel herbeigerechnet wird, zum anderen die Tatsache, dass offensichtlich kein Mangel, sondern ein „Mismatch“ zwischen Interessenten und Stellen herrscht, und deren Gründe.

mythsZum ersten Punkt: Der VDI ergänzt die Zahl der gemeldeten offenen Ingenieursstellen um einen „Dunkelzifferfaktor“, der lange Zeit bei 7 lag und jetzt auf 5 herabgesetzt wurde. Man postulierte also, dass auf jede öffentlich ausgeschriebene Ingenieursstelle sieben beziehungsweise fünf Stellen kommen, die nicht öffentlich ausgeschrieben und besetzt werden. So entsteht natürlich rechnerisch ein Ingenieursmangel, denn die Zahl der Bewerber wurde nicht angepasst. Eine Herleitung der Faktoren 7 und 5 konnte nicht gegeben werden. Auch die Agentur für Arbeit beteiligt sich an solchen Rechenspielen. So wird ein Mangel ausgerufen, wenn auf eine Stelle mehr als drei Bewerber kommen – seien diese auch noch so perfekt qualifiziert.

Den zweiten Punkt finde ich noch schwieriger, denn er berührt das Verhältnis von Arbeitgebern und -nehmern. Vor allem im Fall des Fachkräftemangels in Massachusetts muss man bedenken, dass in den USA viele Jahre die Strategie, Produktion nach Fernost auszulagern, vorherrschend war. Ich habe selbst erlebt, wie sich US-Firmenbosse rühmten, dass „die Fertigung keine Kernkompetenz mehr“ sei. Die Idee war, sich auf die Produktentwicklung zu konzentrieren und die Fertigung in Billiglohnländer zu vergeben.

Dass dies aus verschiedenen Gründen nicht gutgehen kann, wird nach kurzem Nachdenken klar. Dann würden beispielsweise die deutschen Automobilproduzenten seit Jahren falsch investieren, wenn sie – wie es geschieht – so viel Aufwand in die Qualitätssicherung und Produktionsoptimierung stecken. Zudem ist nicht jeder zum Ingenieur geboren, es muss ein gesunder Mix von Fertigkeiten in der Bevölkerung herrschen, nicht nur Hilfsarbeiter und Ingenieure, sondern auch die vielen Abstufungen von Fachwissen und Komplexität dazwischen.

Dass sich junge Menschen aber, wenn ihnen gesagt wird, dass fachkundige Produktionsmitarbeiter nicht mehr benötigt werden, von diesen Berufen abwenden, ist verständlich. Deshalb arbeiten die Unternehmen in Massachusetts nun verstärkt mit Schulen und Bildungseinrichtungen zusammen. Das ist sicherlich ein richtiger Ansatz, der ja auch bei uns an vielen Stellen umgesetzt wird, die vielen MINT-Initiativen belegen dies. Zudem haben wir in Deutschland mit dem dualen Ausbildungssystem ein sehr wertvolles Instrument, das praktisch und theoretisch versierte Facharbeiter hervorbringt.

Im Falle des Ingenieursmangels in Deutschland kommt jedoch noch etwas anderes hinzu, denn es gibt nicht etwa keine Bewerber, die Zahl arbeitssuchender Ingenieure ist hoch. In der ARD-Dokumentation nennt eine Beraterin das Problem „Mismatch“ – die Bewerber passen anscheinend nicht zur Stelle.

Dies liegt jedoch nicht unbedingt an zu wenig oder falsch ausgebildeten Bewerbern, sondern immer stärker an der sehr fokussierten Stellenbeschreibung und dem Unwillen der Unternehmer, einen Bewerber einzustellen, der den Anforderungen „nur“ zu 75 Prozent entspricht. Im Falle junger Bewerber fehlt oft die Berufserfahrung, im Falle Älterer eher Spezialkenntnisse.

Dahinter steckt der Anspruch an den Bewerber, sozusagen „Plug-and-Play“ die neue Stelle vom ersten Tag an voll produktiv auszufüllen. Das ist dasselbe Denken, das sich auch hinter der Leiharbeiterthematik verbirgt – ein Mensch kann jederzeit woanders eingesetzt werden, je nachdem, wo er gebraucht wird, und soll sofort produktiv sein. Das kann bei sehr einfachen Tätigkeiten funktionieren, sobald es jedoch um komplexere Ansprüche und Kenntnisse geht, ist dies ein Irrweg.

Wo ist denn der – scherzhaft gemeinte – Anspruch „ein deutscher Ingenieur kann alles“ geblieben? Je enger man eine Stellenausschreibung fasst, desto weniger Bewerber wird man finden. Wäre es nicht besser, die Ausschreibung weiter zu fassen, einen interessanten, innovativen, kreativen Menschen mit der richtigen Grundbildung einzustellen und diesem wie früher einfach mal eine gewisse Einarbeitungszeit zuzugestehen? So fände man Entwickler, die über den Tellerrand des „haben wir schon immer so gemacht“ hinausblicken und neue, verblüffende Lösungen finden können.

Man müsste Mitarbeiter weniger als „Ressource“ betrachten, die eine bestimmte Produktivleistung zu erbringen haben, sondern stärker als kreativen, wertvollen Teil des Unternehmens, der an der Stelle, an der er arbeitet, Erfahrung sammelt und einbringen kann. Dazu gehört der Respekt vor den Mitarbeitern, der es verbietet, diese als Ballast anzusehen, den man einfach bei Bedarf verschieben oder abwerfen kann. Junge Menschen beobachten dies sehr genau und wenden sich von solchen als unsicher empfundenen Berufsbildern ab.

Mut zur Lücke, Geduld und Hinwendung, um den Mitarbeiter auf eine Stelle einzulernen – das wären die Tugenden, die den angeblichen Fachkräftemangel in Luft auflösen werden. Eigentlich hat man dies in der Krise 2009 lernen können: Unternehmen, die über Kurzarbeit oder Weiterbildungsmaßnahmen ihr Personal hielten, konnten am abrupten Ende der Krise 2010 nahtlos durchstarten und die Delle in der Umsatzbilanz fast ausgleichen. Wer erst mühsam neue Mitarbeiter suchen musste, war abgehängt.

 

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Die Konstruktion neu erfunden, Hinter den Kulissen. Bookmarken: Permanent-Link. Trackbacks sind geschlossen, aber sie können Kommentieren.

Einen Kommentar schreiben

Ihre E-Mail wird niemals veröffentlicht oder verteilt. Benötigte Felder sind mit * markiert

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Du kannst diese HTML Tags und Attribute verwenden: <a href="" title="" rel=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <pre> <q cite=""> <s> <strike> <strong>