Sind für modellbasierte Initiativen Prozessveränderungen erforderlich?

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Vor Kurzem brach ich einen Blog-Fight mit Jos Voskuil vom Zaun. Jos hatte einen exzellenten Beitrag mit dem Titel PLM is a Journey verfasst. Darin stellte er die These auf, PLM sei keine IT-Lösung, sondern ein Weg, den eine Organisation einschlägt und der die Optimierung der Produktentwicklung beinhaltet. Ich antwortete darauf mit einem Beitrag namens PLM Requires Business Transformation? Bollocks (zu Deutsch: „PLM erfordert eine Geschäftstransformation? Schwachsinn“). Entschuldigen Sie die Ausdrucksweise, aber wie Sie wahrscheinlich erkannt haben, stimme ich Jos‘ Theorie nicht zu, insbesondere im Hinblick auf die Grundlagen von PLM wie Datenmanagement, Konstruktionsfreigabe und Änderungsmanagement.

All das hat den einzigen Zweck, die Notwendigkeit von Prozessveränderungen für eine Technologieeinführung festzustellen. Deshalb möchte ich MBE-Initiativen (Model-Based Enterprise) einmal auf den Prüfstand stellen. Natürlich habe ich bereits eine Meinung. Aber speziell zu diesem Thema hätte ich gern etwas Feedback. In diesem Beitrag stelle ich die Behauptung auf, dass die Einführung von Model-Based Enterprise sehr wohl Prozessveränderungen in einer Organisation notwendig macht.

Was ist Model-Based Enterprise eigentlich?

Falls Ihnen MBE nichts sagt, kann ich Ihnen eine sehr gute Website mit Informationen empfehlen: die Website Model-Based Enterprise. Sie wird vom Verteidigungsministerium der Vereinigten Staaten, vom Army Research Laboratory, von BAE, NIST und vielen anderen Organisationen gemeinsam betrieben. Und so lautet ihre Definition von MBE.

Was ist Model-Based Enterprise? Hier ist die technische Definition: Eine vollständig integrierte und auf Zusammenarbeit basierende Umgebung, die auf einer im gesamten Unternehmen detailliert zugänglichen 3D-Produktdefinition basiert und die schnelle, nahtlose und kostengünstige Produkteinführung vom Konzept bis zur Entsorgung ermöglicht.

Meine Meinung? Bei MBE-Initiativen geht es darum, Informationen in 3D-Modelle einzubetten und so unternehmensweit in Organisationen wie Service, Fertigung, Qualitätsmanagement usw. nutzbar zu machen.

Auf der Website finden Sie weitergehende Informationen. Aber für unsere Zwecke reicht diese Definition.

Der Kontext: Desktop-Anwendungen und Änderungen

Bevor wir in das Thema MBE eintauchen, lassen Sie uns über Desktop-Anwendungen sprechen und darüber, ob sie Prozessveränderungen erforderlich machen oder nicht. Normalerweise werden Desktop-Anwendungen wie CAD (Computer-Aided Design), CAE (Computer-Aided Engineering) oder Simulation, CAM (Computer-Aided Manufacturing) und Bearbeitungsprogramme für Dokumente, Kalkulationstabellen usw. zunehmend zu persönlichen Produktivitätstools. Sie werden eingesetzt, um Aufgaben schneller und effizienter zu erledigen. Deshalb verbinden die meisten Menschen Desktop-Anwendungen nicht mit Prozessveränderungen. Traditionell sind für die Einführung dieser Technologien keine Veränderungen bei den Abläufen in Konstruktion, Simulation, Fertigung und anderen Bereichen notwendig. Stattdessen gibt es prozedurale Änderungen. Das heißt nichts anderes, als dass die Art und Weise, wie einzelne Personen ihre Arbeit erledigen, betroffen ist.

Mir ist bewusst, dass die meisten von Ihnen mir in diesem Punkt nicht zustimmen werden. Viele dieser Tools entwickeln sich zunehmend zu kollaborativen Erstellungs- und Bearbeitungswerkzeugen. Ein Beispiel ist Google Docs. Ein Dokument oder eine Kalkulationstabelle kann von vielen Personen gleichzeitig geändert werden. Die Änderungen anderer Personen werden farbig markiert. Man kann die Bearbeitung in Echtzeit verfolgen. Eine solche Technologie betrifft also mehrere Personen. Eine Diskussion darüber, ob damit auch Prozessveränderungen einhergehen könnten, ist daher durchaus angebracht. Ich vertrete aber die Ansicht, dass diese Desktop-Anwendungen traditionell Einzelpersonen betreffen, nicht ganze Organisationen. Infolgedessen sind sie mit prozeduralen Änderungen und nicht mit Prozessveränderungen verbunden.

Also gut. Fangen wir an.

MBE-Bemühungen und Prozessveränderungen

Wie komme ich darauf, dass MBE-Initiativen mit Prozessveränderungen einhergehen könnten? Nun, das ist nicht meine Schuld, sondern die von Ram Pentakota.

Ram ist Global Chief Engineer bei Johnson Controls, einem großen Zulieferer für die Automobilindustrie. Er engagiert sich auch stark in der Strategic Automotive product data Standards Automotive Group (SASIG). Dabei handelt es sich quasi um die internationale Version der US-amerikanischen Automotive Industry Action Group (AIAG).

Im Mai 2013 stellte Ram beim 3D Collaboration and Interoperability Congress (3DCIC) die aktuelle Meinung der SASIG zum Thema MBE vor. Seine Präsentation war einfach fantastisch. Sie finden die Folien und die vollständige Präsentation auf der Website des 3DCIC. Er untersuchte vier spezifische Anwendungsfälle für MBE und ging ausführlich darauf ein, welche Informationen jeweils in die 3D-Modelle eingebettet werden müssen. Außerdem beschrieb er, wer der Besitzer der Informationen und somit für das Einbetten der Informationen zuständig ist und wer die Informationen verwendet. Im Prinzip machte er deutlich, dass viele verschiedene Stakeholder in MBE-Maßnahmen einbezogen werden sollten. Er forderte außerdem bestimmte organisatorische Prozesse für das Erzeugen, Bereitstellen und Verwenden von Lieferbestandteilen.

Und genau das bildet die Grundlage für meine Meinung.

Ich bin überzeugt, dass MBE die ganze Organisation betrifft. Viele verschiedene Stakeholder müssen ihre Beteiligung überdenken und anpassen. Auch wenn eine MBE-Initiative ausschließlich mit Desktop-Anwendungen durchgeführt werden könnte, so reicht die Installation von Software allein doch nicht aus für eine erfolgreiche Durchführung. Ich möchte sogar behaupten, dass eine MBE-Initiative ohne Prozessveränderungen zum Scheitern verurteilt ist.

Zusammenfassung und Fragen

  • Bei MBE-Initiativen geht es darum, Informationen in 3D-Modelle einzubetten und so unternehmensweit nutzbar zu machen.
  • Desktop-Anwendungen verbindet man üblicherweise mit prozeduralen Änderungen, nicht mit Prozessveränderungen. Viele neue Versionen von Desktop-Anwendungen ermöglichen allerdings das teambasierte Erstellen und Bearbeiten von Lieferbestandteilen. Dies kann Prozessveränderungen nach sich ziehen.
  • Ram Pentakota, Chief Engineer bei Johnson Controls und Vertreter von SASIG, stellte beim 3D Collaboration and Interoperability Congress mehrere Anwendungsbeispiele für MBE vor. Sie finden die Folien und die vollständige Präsentation auf der Website des 3DCIC.
  • Die Anwendungsbeispiele wirken sich darauf aus, wie viele verschiedene Stakeholder MBE-Lieferbestandteile erzeugen, gemeinsam nutzen und verwenden. Dies zieht auch Konsequenzen dahingehend nach sich, wie Organisationen ihre Prozesse verändern müssen.
  • Aus meiner Sicht sind daher für MBE-Maßnahmen Prozessveränderungen nicht zu vermeiden.

Hmm. Irgendwie merkwürdig, zu behaupten, dass für PLM keine Prozessveränderungen notwendig seien, für MBE hingegen sehr wohl. Verrückt.

Wer macht mit beim BLOG-FIGHT? Ich weiß, dass wahrscheinlich einige Leser meine Meinung nicht teilen. Ich freue mich auf Ihre Meinungen. Also bitte, hinterlassen Sie unten Ihre Kommentare und sagen Sie uns, was Sie denken.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Bis bald. Und nochmals vielen Dank für Ihr Interesse.

Die Veröffentlichung dieses Blogbeitrags durch PTC erfolgt in Lizenz. Die Konzepte, Ideen und Meinungen dieses Beitrags wurden von dem Branchenanalysten Chad Jackson von Lifecycle Insights unabhängig ausgearbeitet. 2013–2014 © LC Insights LLC

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