Grundlagen nicht vergessen!

Für meinen kleinen Sohn habe ich vorige Woche nachgesehen, ob es die schönen Märklin-Metallbaukästen noch gibt, mit denen ich meine Kindertage verbracht habe. Es gibt sie seit 1999 nicht mehr, und die Begründung, die ich auf den Museums-Webseiten von Märklin gefunden habe, machte mich nachdenklich:

Der heutigen Jugend bieten sich bezüglich ihrer technischen Grundausbildung vielfältige Alternativen zu dieser „Hardware“, die deshalb inzwischen nicht mehr in unserem Programm ist.

Ich erinnere mich an tagelange Basteleien mit diesen genialen Kästen aus Lochblechen, Schrauben, Zahnrädern und Stahlwellen. Es war oft nicht einfach, mit den relativ wenigen verschiedenen Teilen die gewünschte Form zu erhalten – da war Lego oft geeigneter. Aber wenn es darum ging, funktionierende Dinge zu bauen, war der Metallbaukasten nicht zu schlagen.

Metallbaukästen - Quell der Kreativität (Bild: Wikipedia/Gmhofmann).

Metallbaukästen – Quell der Kreativität
(Bild: Wikipedia/Gmhofmann).

Geniale Zahnräder, deren Zähne um die Ecken reichten, machten es möglich, diese in Linie (als Stirnrad) oder mit bis zu 90 Grad Winkel (als Kegeltrieb) anzuordnen. So gab es kaum Grenzen für die Entwicklung mechanischer Konstruktionen. Ich erinnere mich an einen Kranwagen mit funktionierender Achsschenkellenkung, drehendem Kran und Seilwinde. Kraftübertragung, Hebelarme, Lagerungen, alles konnte ausprobiert und spielerisch kennengelernt werden.

Ich halte dies auch heute noch nicht für veraltet. Schließlich bestehen Produkte immer noch aus Elektronik, Software UND Mechanik, schließlich brauchen die schönen Programme immer noch Hardware, um zu laufen und mechanische Aktuatoren, die sie steuern können. Vor allem aber hat die Mechanik den unschätzbaren Vorteil, dass man sieht, was passiert. Eine Software zu programmieren ist immer ein abstrakter Vorgang, auch Elektronik kann nicht im Wortsinn „begriffen“ werden. An meinen alten Märklin-Modellen war völlig klar: Wenn man an der Kurbel dreht, wird die Kraft über Wellen, Zahnräder und Riemen übertragen und es passiert woanders etwas. Der Aufbau mit Lochstreifen hatte zudem den Vorteil, dass man instinktiv – um Bauteile zu sparen – in Kraftlinien dachte und seine Konstruktionen in Stabtragwerken aufbaute – da bekam man neben dem Spielen noch eine kleine Statikvorlesung.

Einen zweiten Gedanken möchte ich noch anfügen: Als Junge bekam ich einen Metallbaukasten, der wie der abgebildete Kasten eine Vielzahl von Bauteilen und einige Bauvorschläge enthielt, ansonsten blieb es der eigenen Phantasie vorbehalten, sich etwas auszudenken, was man bauen wollte. Heute nehmen sogenannte Themenkästen überhand, mit denen man zum Beispiel einen Hubschrauber oder ein Auto bauen kann – aber eben nichts anderes. Ich finde die Freiheit – und die Notwendigkeit – sich selbst etwas auszudenken, als ganz wichtigen Schritt bei der Entwicklung von Kreativität.

Zum Glück kann man inzwischen eine Renaissance der Metallbaukästen beobachten, Metallus hat zum Beispiel „altmodisch allgemeine“ Baukästen im Programm. Aber auch Programme, die langsam aus den USA herüberschwappen, wie die auch von PTC unterstützten FIRST-Wettbewerbe, bieten Kindern die Möglichkeit, Kreativität und technisches Verständnis zu entwickeln. Vielleicht entwickelt sich jetzt endlich eine „Generation Mechatronik“; Ingenieure, die durch ihren selbstverständlichen Umgang mit Computern den Bereichen Elektronik und Software aufgeschlossener gegenüberstehen als dies noch meine Generation oft ist.

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