Regierungen, die Industrie und Universitäten reagieren auf den weltweiten Fachkräftemangel

6136653327_508c6f0e251

Während nach der jahrelangen Wirtschaftskrise überall auf der Welt versucht wird, die Ökonomie wieder auf ein solides finanzielles Fundament zu stellen, stellen viele Unternehmen in aller Welt einen Mangel an qualifizierten Ingenieuren fest, sodass sie wichtige Positionen nicht besetzen können, die sie für wichtige Aufträge, mit denen ihr Unternehmen wieder Fuß fassen könnte, eigentlich bräuchten. Regierungen sind ebenfalls besorgt, da ihnen bewusst ist, dass ihre Nationen nur dann wirtschaftlich erfolgreich sein können, wenn sie in Wissenschaft und Technik eine Vorreiterposition einnehmen.

Laut einer Studie von ManpowerGroup, bei der über 38.000 Unternehmen in 41 Ländern befragt wurden, standen Ingenieure 2012 weltweit an zweiter Stelle der am schwersten zu besetzenden Stellen. 2011 waren sie noch an vierter Stelle.

Eine Untersuchung der UNESCO (Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur) ergab eine ernsthafte Knappheit an Ingenieuren in zahlreichen Ländern wie Deutschland, Japan, Großbritannien und den USA, die den technologischen Fortschritt in der Automobilindustrie und anderen Branchen gefährden könnte. Infolgedessen rief die UNESCO im November 2011 eine Entwicklungsinitiative ins Leben, um die Probleme hinter diesem Mangel zu beheben.

Den Mangel in der Bildung beheben

US-amerikanische Politiker lamentieren seit Jahren über die schwindende mathematische und wissenschaftliche Kompetenz der Schüler des Landes und haben die Verbesserung des Mathematik- und Naturwissenschaftsunterrichts zu einer vorrangigen Priorität gemacht. Eine Lösung ist, die Schüler schon früh mit Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik (MINT) in Berührung zu bringen und sie mithilfe von Stipendien und Förderungen auch beruflich an MINT-Berufe heranzuführen.

Präsident Obama hat es zum nationalen Ziel erklärt, das jedes Jahr 10.000 Ingenieure mehr ihren Abschluss machen – das wäre ein Anstieg von 14 Prozent gegenüber den 72.300 Bachelor-Abschlüssen in den Ingenieurwissenschaften, die 2011 vergeben wurden. Auch wenn die Dekane der meisten Universitäten alle Bemühungen zur Erreichung dieses Ziels gutheißen, stimmen doch die meisten darin überein, dass Retention der schnellste und wirtschaftlichste Weg sei, die Anzahl der Absolventen von Ingenieurstudiengängen zu erhöhen.

Die durchschnittliche Verbleibquote an US-amerikanischen Ingenieurschulen liegt bei lediglich 56 Prozent, bei einigen sogar bei nur 30 Prozent. Das Problem kennt man auch in Deutschland, wo die Zahl der Abbrecher bei Ingenieurstudiengängen bei 50 Prozent liegt. Das hängt mit Unzulänglichkeiten im Mathematikunterricht an den Grund- und weiterführenden Schulen zusammen. Um dieses Problem anzugehen, setzen viele Universitäten auf aktive Lernmethoden und versuchen, die Studenten im ersten und zweiten Jahr durch praxisbezogene Projekte weiter zu begeistern.

Ist der Mangel ein Immigrationsproblem?

Einige Kritiker führen den Mangel zum Teil auf die Unfähigkeit der US-Regierung zurück, eine wachstumsorientierte Immigrationspolitik zu verfolgen. Im letzten Herbst blockierte der US-Kongress einen Plan, der mehr zeitlich unbeschränkte Aufenthalts- und Arbeitsbewilligungen (Green Cards) für ausländische Doktorat- oder Master-Studenten in Wissenschaft und Technik vorsah. Da viele Unternehmen mit einem Fachkräftemangel in Wissenschaft und Technik zu kämpfen haben, könnte die Einbürgerung oder zeitlich unbeschränkte Aufenthalts- und Arbeitsbewilligung für gut ausgebildete Immigranten Abhilfe schaffen.

Schließlich hängt die US-amerikanische Technik in hohem Maß vom Talent seiner Arbeitskräfte ab. Mehr als 20 Prozent aller Amerikaner mit einem naturwissenschaftlichen oder technischen Abschluss wurden im Ausland geboren, und fast ein Drittel aller Abschlüsse in Computer- und Ingenieurwissenschaften ist im Besitz von Immigranten.

Eine mögliche Lösung wäre eine Immigrationspolitik, bei der mehr Green Cards aus arbeitsmarktpolitischen Gründen vergeben werden. Solche Visa würden an Immigranten mit Hochschulabschluss und mindestens fünf Jahren Berufserfahrung oder mindestens zweijähriger Ausbildung in einem Spezialgebiet ausgestellt werden. Ähnliche Regierungsinitiativen gibt es in Großbritannien und Deutschland, wo der Mangel an qualifizierten Ingenieuren signifikante Störungen bei der Projektbesetzung in den Unternehmen verursacht.

Sollten Regierungen eingreifen?

In Großbritannien stellt der Fachkräftemangel eine beträchtliche Belastung der Wirtschaft dar und gefährdet sogar einige große Entwicklungsprojekte wie den Hochgeschwindigkeitszug und den Ausbau von Kernkraftwerken. In einem Land, in dem die klügsten Köpfe sich oft für eine Karriere als Jurist, Mediziner oder im Staatsdienst entscheiden, hat ein Mangel an Menschen mit mathematischen und wissenschaftlichen Fähigkeiten eine tiefgreifende Wirkung auf die wirtschaftliche Gesamtsituation.

Zwar versucht die Regierung, mit einem Ausbildungsprogramm und mehreren Programmen zur Förderung der technischen Entwicklung entgegenzuwirken, doch Vince Cable, Minister für Unternehmen, Innovation und Qualifikationen, beschreibt den Mangel an Ingenieuren als „eine der größten langfristigen Herausforderungen“ für die britische Wirtschaft. Laut einer von der Royal Academy of Engineering in Auftrag gegebenen Untersuchung müsste das britische Bildungssystem die Anzahl der Absolventen in Mathematik, Ingenieurwissenschaften und anderen Wissenschaften jedes Jahr verdoppeln.

Hochrechnungen zufolge benötigt das Land in den kommenden fünf Jahren 217.000 Ingenieure, um freie Stellen zu besetzen und die Wirtschaft in Schwung zu bringen. Doch nur 90.000 Studenten mit diesen Qualifikationen schließen jedes Jahr ihr Studium ab, darunter auch ausländische Studenten, die keine britischen Arbeitsvisa erhalten können.

Selbst Deutschland, lange bekannt für seine Dominanz in der technischen Entwicklung, erlebt einen kritischen Ingenieurmangel. Laut einer Untersuchung des Vereins Deutscher Ingenieure waren letztes Jahr 92.000 Stellen unbesetzt, was zu einem geschätzten Verlust in Höhe von etwa 8 Milliarden Euro geführt hat. Die Regierung hat mit einem Maßnahmenpaket auf den Mangel reagiert. Beispielsweise wurden die Einwanderungsgesetze dahingehend geändert, dass deutsche Unternehmen nun einfacher Ingenieure aus dem Ausland einstellen können.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Die Konstruktion neu erfunden und getagged , . Bookmarken: Permanent-Link. Trackbacks sind geschlossen, aber sie können Kommentieren.

Einen Kommentar schreiben

Ihre E-Mail wird niemals veröffentlicht oder verteilt. Benötigte Felder sind mit * markiert

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Du kannst diese HTML Tags und Attribute verwenden: <a href="" title="" rel=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <pre> <q cite=""> <s> <strike> <strong>