Onshoring: Legitimer Trend oder Wunschdenken?

In den vergangenen Jahrzehnten haben viele Hersteller ihre Produktion in kostengünstigere Regionen wie China, Mexiko und Indien verlagert, um von billigeren Arbeitskräften und niedrigeren Materialkosten zu profitieren. In den letzten zwanzig Jahren sind in den USA fast sechs Millionen Arbeitsplätze in der Fertigung verloren gegangen, während sich die Zahl der Mitarbeiter von US-amerikanischen Firmen in Niedriglohnländern nahezu verdoppelt hat.

In letzter Zeit jedoch nimmt die Zahl der Hersteller (darunter Konzerne wie General Electric, Boeing, NCR und Caterpillar), die diesen Trend rückgängig machen und einen Teil ihrer Produktion aus kostengünstigen Regionen wieder in die USA zurückholen, immer mehr zu. Laut einer Umfrage von MFG.com hat ein Viertel von mehr als 850 befragten Unternehmen im Jahr 2010 Fertigungstätigkeiten wieder nach Nordamerika zurückgeholt. Das sind doppelt so viele Unternehmen wie in den ersten drei Monaten des Vorjahres.

GE erhöht die Produktion in Louisville, Kentucky, und hat für die Fertigung von Waschmaschinen und Geschirrspülern mehr als 200 Mitarbeiter eingestellt. Das Unternehmen plant, in den kommenden drei Jahren Investitionen in Höhe von einer Milliarde US-Dollar in das Werk zu tätigen und die Belegschaft von 4.000 Mitarbeitern um weitere 1.000 Personen aufzustocken. Außerdem hat GE Pläne bekannt gegeben, wonach die Herstellung von Kühlgeräten von Südkorea in vier US-Bundesstaaten zurückgeholt werden soll, mit einem Investitionsvolumen von 400 Millionen US-Dollar.

Ein weiterer Fertigungsgigant, Ford Motor, gab letztes Jahr bekannt, dass bis 2012 fast 2.000 Arbeitsstellen von Zulieferern in Japan, Mexiko und Indien in die US-amerikanischen Produktionsanlagen zurückkommen sollen. Andere Unternehmen, die Komponenten aus dem Ausland beziehen, kehren ebenfalls zu Zulieferern in den USA zurück.

Europäische Hersteller sehen Offshoring ebenfalls kritisch

Eine wachsende Zahl von europäischen Unternehmen zieht die Fertigung ebenfalls aus China ab. Als Gründe nennen sie Qualitätsprobleme, steigende Energiekosten, strengere Umweltauflagen, den Wegfall zahlreicher Steuervorteile, den Mangel an qualifizierten Arbeitskräften, die langen Lieferzeiten und den starken Yen. Der Verein Deutscher Ingenieure schätzt, dass jedes fünfte der etwa 1.600 deutschen Unternehmen mit Produktionsstätten in China plant, sich aus diesem Markt zurückzuziehen.

Bei britischen Herstellern ist der Trend ähnlich. Viele britische Hersteller, die ihre Produktion in osteuropäische Länder und nach Asien ausgelagert haben, kehren diese Strategie jetzt um. Nach einem Bericht von EEF, einem Verband, der Tausende von Fertigungsunternehmen in Großbritannien vertritt, hat bereits jedes siebte Unternehmen die Fertigung wieder nach Großbritannien zurückverlagert. Als Gründe werden unerwartet niedrige Einsparungen, die mangelhafte Qualität der Güter und die langsame Markteinführung genannt.

Warum also kommt es zu dieser Umkehr, die auch als „Onshoring“ oder „Reshoring“ bezeichnet wird? Es gibt viele Gründe. Einer davon ist die Tatsache, dass die Löhne in Asien in den letzten Jahren stark gestiegen sind, während sie in den Vereinigten Staaten stagnieren bzw. während der Rezession sogar gefallen sind. Weitere Faktoren sind die schlechte Qualität der Produkte einiger ausländischer Lieferanten, der Diebstahl von geistigem Eigentum aufgrund von laxen Behörden und die längeren Produktlieferzyklen.

Qualitätsmängel waren der Hauptgrund, warum Sleek Audio sich entschloss, die Fertigung aus China in die USA zurückzuholen. Der Hersteller von In-Ohr-Kopfhörern mit Sitz in St. Petersburg, Florida, hatte bei der Einführung des Produkts im Jahr 2007 zunächst eine chinesische Fabrik mit der Herstellung beauftragt. Nach vier Jahren, die geprägt waren Qualitätsmängeln, Kommunikationsproblemen, aufwendigen Reisen, Lieferverzögerungen, steigenden Kosten und sogar einer ruinierten Ladung mit 10.000 Kopfhörern, die die kleine Firma beinahe in den Bankrott getrieben hätte, entschied man sich, China den Rücken zu kehren und die Fertigung ab sofort in den USA abzuwickeln.

Master Lock, ein Hersteller von Zahlenschlössern, holte seine Produktion vor kurzem ebenfalls aus China in das 90 Jahre alte Werk in Milwaukee zurück. Obwohl die Lohnkosten jetzt sechsmal höher sind als zuvor in China, begründet das Unternehmen den Schritt mit der höheren Effizienz. Der Herstellungsprozess in Milwaukee ist 30-mal schneller als in den chinesischen Werken, von denen das Unternehmen seine Produkte bezog. Dieser Vorteil gleicht die höheren Gehälter leicht aus.

Tatsächlich steigen in China die Gehälter jedes Jahr um 15 bis 20 Prozent, während sie in den Vereinigten Staaten mit nur 3,6 Prozent pro Jahr nahezu stabil sind. Bei diesem Tempo könnten die Arbeitskosten für die Fertigung in den beiden Ländern nach einer Untersuchung der Boston Consulting Group bis 2015 nahezu gleich sein. Steigende Ölpreise und die damit verbundenen höheren Lieferkosten tragen ebenfalls dazu bei, dass Chinas Standortvorteil gegenüber teuren Regionen wie den Vereinigten Staaten und Europa schwindet.

Unternehmen, die die Fertigung in ihre eigenen Länder zurückholen, werden mit hoher Wahrscheinlichkeit davon profitieren, dass immer mehr Verbraucher ihre Kaufentscheidung auch auf dieser Grundlage treffen. Eine Umfrage der Alliance for American Manufacturing zeigt, dass 83 Prozent der Amerikaner Unternehmen, die Arbeitsplätze nach China und in andere Billiglohnländer auslagern, äußerst negativ bewerten. Manche der Unternehmen, die Arbeitsplätze in der Fertigung in die USA zurückgeholt haben, wie GE und NCR, haben dank einer positiven Berichterstattung über ihre Onshoring-Bemühungen großes Ansehen bei den Verbrauchern gewonnen.

Bild: ROSS HONG KONG

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