Weltweite Knappheit an Ingenieuren als Herausforderung für die Industrie

Während in vielen Ländern der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit weitergeht, ist in Hightech-Unternehmen in Silicon Valley und anderen Regionen ein Kampf um talentierte Mitarbeiter entbrannt. Bewerber werden mit Angeboten wie iPads, Aktienoptionen und der Möglichkeit, ihren Hund mit ins Büro zu bringen, gelockt.

Der Mangel an qualifizierten Ingenieuren hat sich in den letzten sechs Monaten nach Aussagen von Führungskräften und Recruitern verschärft, da wieder zunehmend Risikokapital in den Markt gepumpt wird. In technischen Zentren wie Silicon Valley, Austin, New York und Seattle gibt es wieder einmal unzählige erfolgreiche Startups, die jetzt ebenfalls um dieselben Talente buhlen wie die etablierten Unternehmen.

In den Vereinigten Staaten steigt die Zahl der offenen Stellen in der technischen Entwicklung wieder an. Sie ist laut Wanted Analytics, einem Business-Intelligence-Anbieter für die Rekrutierungsbranche, um 68 Prozent höher als auf dem Tiefpunkt der Rezession. Die Nachfrage ist derzeit am höchsten in der Fertigung, vor allem in den Bereichen Schwerlasttransporter, Halbleiter, pharmazeutische Industrie, Medizingeräte und Flugzeugbau. Allein in Detroit sind in den letzten 60 Tagen mehr als 2.217 Ingenieursstellen ausgeschrieben worden.

Steigende globale Nachfrage.

Doch nicht nur die Vereinigten Staaten leiden unter einer kritischen Knappheit von Ingenieuren. In vielen Ländern ist die Zahl der jungen Leute, insbesondere der Frauen, in den Ingenieursstudiengängen rückläufig. Die Volkswirtschaften, die nach der weltweiten Flaute auf eine Erholung hoffen, befürchten das Schlimmste.

In Großbritannien sind mehrere Branchen vom Fachkräftemangel betroffen, u. a. die Luft- und Raumfahrtindustrie, die Fertigung und die Energiewirtschaft. „Die Unternehmen können aufgrund des Mangels an qualifizierten Arbeitskräften nicht wachsen“, so Vince Cable, der britische Minister für Unternehmen. „Die Zahl der beschäftigungslosen Studienabgänger steigt, doch bei den wissenschaftlichen und technischen Studiengängen besteht ein chronischer Mangel.“

Deutschland gilt seit Jahrhunderten als Technologievorreiter. Heute jedoch besteht bei der jungen Generation wenig Interesse an der Ingenieurskunst. Vor zehn Jahren gab es an den deutschen Universitäten laut dem Verein Deutscher Ingenieure noch doppelt so viele Studenten in den Ingenieursstudiengängen wie heute. Laut Deutschem Institut für Wirtschaftsforschung besteht aktuell ein Bedarf an 117.000 Ingenieuren, Wissenschaftlern, IT-Experten und Technikern. Diese Entwicklung sorgt bei deutschen Unternehmen, die auf eine wirtschaftliche Erholung hoffen, für große Besorgnis.

Angesichts der möglichen Auswirkungen auf globale Business-Initiativen hat das Land nun eine landesweite Kampagne geschaltet, um Studenten für eine Laufbahn im Ingenieurswesen zu begeistern. „Der Fachkräftemangel ist das größte Hindernis für Innovation in Deutschland“, so Markus Röser von Do Things, einer Koalition von 80 Unternehmen, Universitäten und Marktforschungsinstituten, die ins Leben gerufen wurde, um die Lücke zu schließen. „Das kreative Potenzial Deutschlands steht auf dem Spiel.“

Warum Frauen im Ingenieurswesen auch heute noch in der Minderheit sind

Viele Länder haben mit ähnlichen Kampagnen versucht, Frauen für Ingenieursberufe zu gewinnen. Zwischen 1980 und 1990 lag der Anteil der Frauen, die eine Ingenieurslaufbahn einschlugen, zwischen 10 und 20 Prozent. Bis zum Jahr 2000 war diese Zahl jedoch rückläufig. Heute liegt der Anteil der Frauen bei unter 10 Prozent.

Bei einer Untersuchung der University of Wisconsin – Milwaukee stellte sich vor kurzem heraus, dass Frauen Berufe in der technischen Entwicklung nicht aus familiären Gründen aufgeben, sondern vielmehr aufgrund des unangenehmen Arbeitsumfelds. Fast die Hälfte der befragten Frauen nannten die Arbeitsbedingungen sowie Probleme wie fehlende Aufstiegschancen und niedrige Gehälter als Grund dafür, dass sie ihre Tätigkeit in der technischen Entwicklung aufgegeben haben.

Ein Drittel der befragten Frauen, die nach dem Abschluss nicht in die technische Entwicklung gingen, tat dies, weil sie den Bereich für unflexibel und das Arbeitsumfeld für frauenfeindlich hielten.

Ingenieure werden aus dem Ruhestand zurückgeholt

Da es weltweit immer weniger Absolventen der Ingenieursstudiengänge gibt, erhoffen sich manche Organisationen und Behörden Hilfe von Ruheständlern. In Südafrika versucht man mit einer Kampagne des Department of Public Work, für Schulungszwecke qualifizierte Bauingenieure aus dem Ruhestand zu reaktivieren. „Es war allerhöchste Zeit, diesen Schritt zu unternehmen. Er zeigt, dass unsere Regierung pragmatisch und vernünftig versucht, dem aktuellen Fachkräftemangel in der Entwicklung zu begegnen“, erklärt Tess Marshall, Managing Director für Engineering Recruitment bei Network Recruitment. „Aus unseren Studien ging hervor, dass das Durchschnittsalter der Beschäftigten in der Industrie derzeit zwischen 50 und 55 Jahre beträgt und dass die junge Generation zwar qualifiziert ist, aber nicht unbedingt über Erfahrung verfügt.“

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Die Konstruktion neu erfunden. Bookmarken: Permanent-Link. Trackbacks sind geschlossen, aber sie können Kommentieren.

Einen Kommentar schreiben

Ihre E-Mail wird niemals veröffentlicht oder verteilt. Benötigte Felder sind mit * markiert

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Du kannst diese HTML Tags und Attribute verwenden: <a href="" title="" rel=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <pre> <q cite=""> <s> <strike> <strong>