Crowdsourcing und Produktkonstruktion

Vielen wird beim Lesen dieser Überschrift als Erstes die Frage durch den Kopf schießen: „Crowdsourcing – was ist das denn schon wieder?“. Deshalb wollen wir uns dieses Konzept zunächst näher ansehen, bevor wir zu seinen Auswirkungen auf die Produktkonstruktion kommen. Beim Crowdsourcing geht es definitionsgemäß darum, Aufgaben, die traditionell von einem Mitarbeiter oder Auftragnehmer übernommen werden, über einen offenen Aufruf an eine nicht näher bestimmte große Personengruppe oder Community („Crowd“) auszulagern.

Die Einladung erfolgt üblicherweise über das Internet und kann die Öffentlichkeit dazu auffordern, Ideen zu einer neuen Technologie zu liefern oder manchmal auch eine Entwurfsaufgabe durchzuführen. Dies ist auch als Community-basierter Entwurf oder verteilte Kooperationsentwicklung bekannt. Das Ziel ist, die Menschen zu mehr Innovation und Kreativität anzuregen, die in traditionellen Produktentwicklungsumgebungen mit ihren strengen Zeitplänen, rigiden Budgetpolitik und vorgegebenen Entwicklungsverfahren und -prozessen aufgrund der strengen Rahmenbedingungen gelegentlich fehlen.

Das erste per Crowdsourcing entwickelte Auto

Der beliebteste Fahrzeughersteller in Brasilien, Fiat, stellte mit dem Fiat Mio ein völlig neues Projekt vor: ein vollkommen neues Fahrzeugmodell, das, einschließlich der mechanischen Komponenten, per Crowdsourcing entwickelt wurde. In enger Zusammenarbeit mit einer Internetagentur in São Paulo baute Fiat eine Webplattform auf und stellte eine Gruppe von Kontributoren zusammen. Das Ergebnis übertraf die Erwartungen bei weitem. Mehr als 10.000 Vorschläge aus 160 Ländern gingen auf der Website ein. Diese wurden von der Agentur gründlich geprüft und anschließend Fiat präsentiert.

Die mithilfe dieses Projekts generierten Ideen, die unter der Creative Commons-Lizenz geschützt sind, reichten von sehr einfachen (Bordhandbücher auf Memory-Stick bereitstellen) bis hin zu fast lächerlich anmutenden Vorschlägen (Müll als Treibstoff). Nach der ersten Ideengewinnung richtete sich der Fokus auf Fragen wie Ergonomie, Sicherheit, Werkstoffe, Design, „Infotainment“ und Antriebstechnik. Kurz vor der Einführung ging es dann um Vermarktungs- und Marketingideen.

Möbeldesign für die Massen

Ein New Yorker Möbeldesigner mit Schwerpunkt auf europäischem, skandinavischem und amerikanischem Design setzt Crowdsourcing und soziale Medien äußerst kreativ ein. Stylefactory (www.stylefactory.com) verkauft seine Waren online und holt im Bereich „My Factory“ der Website Ideen dazu ein, welche Produkte produziert werden sollen. In dem Bereich werden fotorealistische Abbildungen und fertige Produkte vorgestellt, über die Community-Mitglieder abstimmen können („Make It“ oder „Drop It“). Anschließend können die Designs auf Facebook und Twitter diskutiert werden.

Das Unternehmen nutzt Crowdsourcing also auch, um festzustellen, welche Designs tatsächlich hergestellt werden. Die beliebtesten Entwürfe gelangen in den Bereich „Buy“. Erst wenn sich genügend Interessenten zum Kauf eines Designs verpflichtet haben, wird es produziert. Auf diese Weise wird ein ausreichendes Produktvolumen sichergestellt, bevor sich das Unternehmen zur Produktion entschließt, und die Kunden profitieren von einem angemessenen Preis.

Quirky: Website für schrullige Erfinder

Quirky ist eine Website, auf der Menschen mit innovativen Ideen sich ohne die normalerweise erforderliche Finanzierung, technische Entwicklung, Verteilung und rechtlichen Formalitäten als Erfinder versuchen können. Für nur 10 US-Dollar können Sie Ihre Ideen zu Quirky hochladen und alle Community-Mitglieder zum Kommentieren einladen. Die besten Entwürfe werden zum „Produkt der Woche“ gewählt.

Finden sich genügend Käufer, gelangen sie in die Produktion. 30 Prozent der eingefahrenen Gewinne gehen an die Quirky-Community, ein Teil an den Erfinder und der Rest an all jene, die während der einwöchigen Community-Prüfung Kommentare zum Entwurf abgegeben haben. Dieser finanzielle Anreiz sorgt dafür, dass die mittlerweile 45.000 Mitglieder dauerhaft aktiv bleiben. Bislang hat die 2009 gestartete Website 80 Produkte hervorgebracht, von denen 28 inzwischen international im Einzelhandel erhältlich sind.

Ben Kaufman, der 24 Jahre alte Gründer und CEO von Quirky, ist der festen Überzeugung, dass Crowdsourcing allein nicht funktioniert, weil die Idee, dass die internationale Community einer Gruppe von Experten überlegen ist, nicht nachhaltig genug ist. „Erst die Zusammenarbeit zwischen Experten und Community liefert wirklich herausragende Ergebnisse“, so Kaufman. Tatsächlich profitieren beide Seiten von der Zusammenarbeit. „Durch das Feedback von außen werden unsere professionellen Designer noch besser. Im Gegenzug sorgen sie dafür, dass erstklassige Produkte herauskommen.“

Es gibt viele überzeugende Gründe, warum Unternehmen Crowdsourcing nutzen sollten. Erstens zwingt es sie dazu, sich positives und auch negatives Feedback anzuhören und sich damit auseinanderzusetzen, wie ihre Produkte oder Marken bei den Verbrauchern wirklich ankommen. Indem die Verbraucher in die Entwicklungsarbeit einbezogen werden, entsteht ein echtes Gefühl der Mitverantwortung für die Produkte des Unternehmens. Fazit: Das Internet kann für Unternehmen eine nahezu unerschöpfliche Quelle von hervorragenden Ideen und Inspiration darstellen. Allerdings ist eine sorgfältige Vorauswahl durch Experten erforderlich, um ein erstklassiges und auch wirtschaftlich erfolgreiches Produkt herzustellen.

Bild: kmeron

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