CAD-Interoperabilität – ein Problem?

Die meisten CAD-Manager haben inzwischen über die Kosten gelesen, die mit der Verwendung mehrerer CAD-Formate einhergehen. Seit mehr als 10 Jahren behaupten Analysten, Journalisten und Anbieter, dass Interoperabilitätsprobleme die US-Automobilindustrie etwa eine Milliarde US-Dollar pro Jahr kosten und die Einführung neuer Modelle um mindestens zwei Monate verzögern.1

Ich bin der Meinung, diese Zahlen sind falsch. Ich denke, es kann noch viel teurer werden, insbesondere außerhalb der Automobilindustrie.

Immerhin schreiben Automobilhersteller ihren Zulieferern und Partnern traditionell genau vor, welches CAD-Tool zu verwenden ist. In Branchen, in denen eine strikte Standardisierung nicht möglich ist, sind die Kosten und Folgen von Interoperabilitätsproblemen sehr wahrscheinlich höher, es sei denn, man arbeitet nach einer perfekt durchdachten Strategie.

Interoperabilitätsprobleme sind außerhalb der Automobilitätsindustrie weit verbreitet
Eine kürzlich durchgeführte Umfrage2 unter Herstellern in verschiedenen Industriezweigen brachte zu Tage, dass 82 Prozent der befragten Unternehmen mit drei oder mehr CAD-Tools oder -Formaten arbeiteten. 43 Prozent verwendeten sogar fünf oder mehr CAD-Tools oder -Formate. Und das führt notgedrungen zu Problemen mit der Interoperabilität. Das geht auch ganz klar daraus hervor, dass in derselben Umfrage die größten Probleme der Unternehmen im Zusammenhang mit der Multi-CAD-Umgebung standen:

  • 32 Prozent nannten den Verlust der in die native CAD-Datei eingebetteten intelligenten Informationen als ihre größte Herausforderung.
  • 29 Prozent beklagten, dass sie Teile neu modellieren mussten, weil keine Änderungen an der Originaldatei vorgenommen werden konnten.
  • 28 Prozent gaben an, dass sie ganze Modelle im gewünschten CAD-Format rekonstruieren mussten.

Unsere eigenen Umfragen lieferten ähnliche Ergebnisse. Eine 2010 von PTC durchgeführte globale Befragung3 von mehr als 4.000 Anwendern sämtlicher CAD-Produkte ergab, dass die Interoperabilität die häufigste Ursache für Frust im CAD-Bereich war:

  • 32 % hatten mit Änderungen an CAD-Konstruktionen zu kämpfen, insbesondere, wenn diese von anderen Personen erstellt wurden.
  • 19 Prozent meinten, es gebe keine sinnvolle Möglichkeit, Daten aus mehreren CAD-Systemen produktiv zu nutzen.

Diese Zahlen sind ein Hinweis auf zwei Besorgnis erregende Trends. Erstens wird ein beträchtlicher manueller Aufwand betrieben, um bereits vorhandene Teile und Modelle zu rekonstruieren und neu zu erstellen. Zweitens geht unter Umständen wertvolles Konstruktionswissen bzw. die Konstruktionsabsicht verloren, wenn die Konstruktionen verschiedene Tools und Formate durchlaufen. Das bedeutet eine enorme Belastung für die Produktentwicklung. Einige Quellen behaupten sogar, dass Teams etwa 25 bis 70 Prozent ihrer Arbeitskraft für derartige Probleme verschwenden. Interoperabilitätsprobleme verursachen also ganz klar Kosten.

Aber lassen sich diese durch eine durchgängige CAD-Umgebung lösen? Das glaube ich nicht.

Ist die Standardisierung ein Fehler?
Auf den ersten Blick mag die Standardisierung die offensichtliche Lösung sein. Wie in der Automobilindustrie können Sie versuchen, alle Ihre Zulieferer, Kunden und Auftraggeber dazu zu bewegen, dasselbe CAD-Tool zu verwenden. Interoperabilitätsprobleme würden damit der Vergangenheit angehören. Allerdings geht aus der Umfrage der Aberdeen Group hervor, dass die erfolgreichsten Unternehmen nicht auf Standardisierung setzen. Durch Standardisierung werden Sie in der Auswahl Ihrer Zulieferer und in Ihrer Fähigkeit, mit Daten von Kunden zu arbeiten, eingeschränkt. Außerdem können die Kosten für die Produktkonstruktion steigen.

Von den führenden Unternehmen (die obersten 20 Prozent der von Aberdeen befragten Unternehmen) profitierten viele nachweislich von der Verwendung mehrerer CAD-Formate – trotz aller Sorgen im Zusammenhang mit der Interoperabilität. Laut diesen Herstellern bietet Multi-CAD folgende Vorteile:

  • 32 Prozent kürzere Produktentwicklungszyklen
  • 31 Prozent niedrigere Produktentwicklungskosten
  • Pünktliche Freigabe bei 90 Prozent aller Konstruktionen

Multi-CAD kann funktionieren
Wir können von diesen Best-in-Class-Herstellern lernen. Wenn Sie erfolgreich in einer Multi-CAD-Umgebung arbeiten möchten, achten Sie auf Folgendes:

  1. Wählen Sie Ihre Zulieferer in erster Linie nach ihren Fähigkeiten, ihrer Erfahrung oder ihrem Preis aus, nicht aufgrund des verwendeten CAD-Tools.
  2. Wählen Sie intern CAD-Tools aus, die die Datennutzung aus mehreren CAD-Quellen optimieren.
  3. Konsolidieren Sie die Zahl Ihrer internen CAD-Softwareanbieter; suchen Sie nach Lösungen eines einzelnen Herstellers, die mehrere der wahrscheinlich verwendeten CAD-Tools ersetzen können, von 2D bis 3D.
  4. Setzen Sie auf CAD-Technologien, die zur Automatisierung des Datenaustauschs beitragen können.
  5. Versuchen Sie, CAD-Tools, Modelle, Zeichnungen und abgeleitete Formate durch die Verwendung einer allgemeinen PLM-Plattform miteinander zu verknüpfen.

Die CAD-Interoperabilität ist ein echtes Problem. Aber die erfolgreichsten Hersteller finden Möglichkeiten, Multi-CAD-Strategien zu ihrem Vorteil zu nutzen und ihre Produkte deutlich schneller, kostengünstiger und im Vergleich zur Konkurrenz auch pünktlicher zu entwickeln.

Wie ist die Situation in Ihrem Unternehmen? Wie viele CAD-Tools sind in Ihrem Unternehmen im Einsatz? Erzählen Sie uns, wie Sie die CAD-Interoperabilität mit Ihren Zulieferern und Kunden regeln.

Bild: rosipaw.
Quellen: 1 Research Triangle Institute, Report Interoperability Cost Analysis of the U.S. Automotive Supply Chain, März 1999. 2 Aberdeen Group, Working with Multi-CAD? Overcome the Engineering Collaboration Bottleneck, Dezember 2010. 3 PTC, Umfrage zu Project Lightning, 4.200 Teilnehmer, Juni 2010.

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