Hinter den Kulissen: An der Multifunktionsleisten-Benutzeroberfläche scheiden sich die Geister

Kennen Sie Marmite? Das ist eine in England sehr beliebte, klebrige, dunkelbraune Paste mit starkem Hefearoma. An diesem würzigen Brotaufstrich scheiden sich die Geister in die, die es LIEBEN, und jene, die es HASSEN. Die erstmals in Windows-Anwendungen eingeführte Multifunktionsleisten-Benutzeroberfläche, die nun auch in PTC Software zum Einsatz kommt, ist in dieser Hinsicht Marmite äußerst ähnlich.

Microsoft ist von den Vorteilen dieser grafiklastigen Bildschirm-Steuerelemente überzeugt. „Multifunktionsleisten sind die moderne Art und Weise, Anwendern die Suche nach Befehlen sowie deren Bedeutung und Verwendung effizient und direkt – mit der minimalen Anzahl von Klicks – zu ermöglichen.“ Microsoft verspricht, dass Multifunktionsleisten das unnötige Ausprobieren und den Hilfebedarf reduzieren. Multifunktionsleisten-Benutzeroberfläche

Andere meinen, die Vorzüge der Multifunktionsleisten seien überbewertet. Es dauere viel zu lange und erfordere zu viel Geduld, um die Verwendung der Multifunktionsleisten zu erlernen. Zudem seien die großen Symbole störend.

Es ist also nicht überraschend, dass auf die Entscheidung von PTC, in seiner Produkt-Suite Multifunktionsleisten zu verwenden, eine hitzige Debatte wie über Marmite folgte. [Anmerkung der Redaktion: Link zum Thread in der PlanetPTC Community.] Deshalb bat ich Neil Potter, Director of Product Design and Usability für Creo, den Hintergrund zu erläutern:

GH: Das Echo auf die von Microsoft eingeführte Multifunktionsleisten-Benutzeroberfläche war äußerst gemischt. Warum, denken Sie, hat sich das Unternehmen für dieses Konzept entschieden?
Potter:
Hinter dem Fluent-Benutzeroberflächen-Design [Anmerkung der Redaktion: Dies ist der Microsoft-interne Name] steckt eine Reihe von Erkenntnissen. Ich würde es so zusammenfassen: leichtere Offenlegung von Funktionen, aufgabenorientierte Anordnung, optische Anhaltspunkte und insgesamt bessere Darstellung der immer umfangreicheren Produktfunktionen. Natürlich steckt aber auch ein einfacher betriebswirtschaftlicher Grund dahinter: Das Unternehmen will seinen Produkten ein moderneres Aussehen verleihen und sich gegen die ständigen Angriffe bezüglich der fehlenden Benutzerfreundlichkeit von Konkurrenten wie Apple und nun auch Google zur Wehr setzen. „Wenn der Benutzer eine Funktion nicht findet, gibt es sie nicht.“ Ständige Verbesserungswünsche von Benutzern, die um Funktionen baten, die längst vorhanden waren, machten Microsoft klar, dass die Benutzeroberflächenstruktur mit all ihren Menüleisten viel zu umfangreich, hierarchisch und kompliziert geworden war. Funktionen waren so tief unter der Oberfläche verborgen, dass sie von den Anwendern schlichtweg nicht gefunden wurden oder dass diese es verständlicherweise aufgegeben hatten, das Menüsystem nach ihnen zu durchforsten. Die Darstellung und Benutzeroberflächen-Navigation auf einer Ebene waren vom enormen Funktionsumfang überrollt worden und mussten dringend modernisiert werden.

GH: Hat die Multifunktionsleisten-Benutzeroberfläche auch Nachteile?
Potter:
Einige argumentieren, dass die Multifunktionsleiste mehr Platz auf dem Bildschirm belegt. Die Zahlen von Microsoft zeigen jedoch, dass die Multifunktionsleiste tatsächlich einen geringeren Platzbedarf hat als eine Menüleiste mit den vom Benutzer dauerhaft angeordneten Symbolleisten zusammen. Und natürlich kann die Haupt-Multifunktionsleiste jederzeit reduziert werden, sodass sie nur bei Bedarf erscheint. An ihrer Stelle kann dann die Symbolleiste für den Schnellzugriff verwendet werden, die vollständig angepasst werden kann.

GH: Hat es bei den PTC Produkten eine vergleichbare Entwicklung gegeben?
Potter: Ja, wir haben in den letzten Jahren Ähnliches festgestellt. Selbst bei der Einführung von Pro/ENGINEER Wildfire, als wir die Umstellung vom Menü-Manager und der „ODUI“ zur Microsoft-typischen Benutzeroberfläche mit Menüleiste, Symbolleiste und Dashboards vornahmen, gab es Begeisterungsstürme wegen angeblich neuer Funktionen. Dabei wurden aufgrund der neuen Anordnung vorhandene Funktionen für die betreffenden Anwender lediglich besser in den Fokus gerückt bzw. leichter zugänglich. Eine Multifunktionsleisten-Benutzeroberfläche ist in dieser Hinsicht noch weitaus überlegen.

GH: Die Multifunktionsleiste findet sich mittlerweile bei vielen Softwareprodukten. Wird sie der neue Standard?
Potter:
In Microsoft Office 2007 wurde die Multifunktionsleisten-Benutzeroberfläche erstmals in den Hauptanwendungen Word, Excel, Access und PowerPoint eingeführt. Seit Microsoft Office 2010 wird sie nun in allen Office-Anwendungen verwendet. Inzwischen wird die Multifunktionsleisten-Benutzeroberfläche auch in anderen Softwareanwendungen von Microsoft eingesetzt, beispielsweise in Windows, SQL Server und Dynamics CRM 2011. Die Windows 7-Anwendungen Paint und WordPad haben nun ebenfalls eine Multifunktionsleisten-Benutzeroberfläche. Obwohl wir nicht für Microsoft sprechen können, würde ich doch behaupten, dass es keine Pläne gibt, diese Benutzeroberfläche wieder in der Versenkung verschwinden zu lassen. Also: Ja, sie ist der neue, wenn auch noch sehr junge, Standard für die Microsoft-Plattform. Natürlich muss sie noch weiterentwickelt und verbessert werden.

GH: Wie war die Reaktion auf die Einführung von Multifunktionsleisten in PTC Produkten?
Potter:
Es kam nicht überraschend, dass sie einige lebhafte Debatten ausgelöst hat. Wir haben die Multifunktionsleisten-Benutzeroberfläche erstmals in der Detailkonstruktionsanwendung von Creo Elements/Pro 5.0 eingeführt. Insgesamt waren die Reaktionen zwar durchaus positiv, wir haben jedoch auch einige sehr spezifische Hinweise von einigen Anwendern erhalten, die sich auf spezielle Aspekte des Workflows bezogen. Dazu muss man allerdings sagen, dass viele dieser Probleme nicht auf das Konzept der Multifunktionsleisten-Benutzeroberfläche an sich zurückzuführen sind. Und natürlich arbeiten wir kontinuierlich daran, die gemeldeten Probleme zu verbessern.

GH: Welchen Benutzertypen kommt die Strategie der Multifunktionsleisten-Benutzeroberfläche zugute?
Potter:
Es wird Sie vermutlich nicht überraschen, dass ich der Meinung bin, sie wird allen Benutzern zugute kommen. Jede Änderung an der Benutzeroberfläche, und sei sie noch so vorteilhaft, bedeutet für die vorhandenen Anwender eine Veränderung. Veränderungen sind für berufliche Nutzer bestenfalls mit Unannehmlichkeiten verbunden. Und je nachdem, wie erfahren der jeweilige Benutzer ist, wirkt sich die Änderung mehr oder weniger stark aus. Ein enormer Vorteil der Verwendung einer Benutzeroberfläche nach Branchenstandard ist ganz offensichtlich der, dass viele Anwender sich ihre Erfahrung mit anderen Fluent-Produkten – in der Regel sind dies vor allem die Microsoft Office-Produkte – zunutze machen können, um sich in den Creo Apps im Handumdrehen zurechtzufinden. Neue Anwender können sich direkt auf das Wesen und die Leistungsmerkmale der Applikationen konzentrieren, ohne von einer ungewohnten Benutzeroberflächen-Darstellung oder -Navigation abgelenkt zu werden. Power-User hingegen sollten weniger selbst definierte Verknüpfungen, Programme, Workarounds usw. benötigen, um ihre alltäglichen Aufgaben zu bewältigen.

GH: Wie sieht die Strategie für Creo Apps und die Multifunktionsleisten-Benutzeroberfläche aus?
Potter:
Unsere Vision und Strategie für Creo sieht vor, dass wir die Benutzerfreundlichkeit weiter verbessern. Hierzu verfolgen wir einige grundsätzliche Änderungen. Zunächst einmal untergliedern wir komplexe, monolithische CAD-Produkte in kleinere, fokussierte Apps, wodurch ganz von selbst eine übersichtlichere Umgebung entsteht. Diesen technologischen Durchbruch bezeichnen wir als Creo AnyRole Apps – gemeint ist: Verwenden Sie die Creo App, die am besten für Ihre Bedürfnisse geeignet ist. Jede dieser Apps verfügt über eine maßgeschneiderte, rollen- und funktionsspezifische Benutzeroberfläche für die bekannten Disziplinen der Technik. Darüber hinaus ist die Benutzeroberfläche der einzelnen Apps streng nach den Microsoft-Richtlinien für Fluent-Benutzeroberflächen gestaltet.

GH: Wie war bei den Usability Labs für Creo die Reaktion auf die Multifunktionsleisten?
Potter:
Richtig, seit über einem Jahr laufen bereits Usability Labs für Creo. Das Feedback ist ganz eindeutig: Neue und gelegentliche Nutzer von Creo fühlen sich sofort wohl, weil sie das Look-and-Feel von anderer Desktop-Software her kennen, die sie verwenden. Einige Tester meinten sogar, dass manche Creo Apps selbst für Mitarbeiter außerhalb der technischen Entwicklung geeignet wären, beispielsweise in der technischen Dokumentation, im Marketing oder im Vertrieb. Das zeigt eine deutliche Veränderung im Hinblick auf die Benutzerfreundlichkeit. Sie können sich das Feedback dieser Anwender anhören und ansehen.

Ach übrigens: Neil liebt Marmite! [Anmerkung der Redaktion: Und ich hasse es!] Diskutieren Sie mit: Werden die Creo Apps und die Multifunktionsleisten-Benutzeroberfläche dazu beitragen, dass neue Anwender sich direkt an der Konstruktion beteiligen können? Teilen Sie uns Ihre Meinung mit.


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